Amgen setzt alles auf zwei Wirkstoffe: Was jetzt für das Wachstum auf dem Spiel steht
Amgen legt sein Wachstum auf MariTide und IMDELLTRA – beide Programme stehen jetzt in der entscheidenden Studienphase.

Amgen legt sein Wachstum auf MariTide und IMDELLTRA – beide Programme stehen jetzt in der entscheidenden Studienphase.

Amgen hat auf der Morgan Stanley Healthcare Conference zwischen dem 16. und 19. September 2026 offengelegt, worauf das Unternehmen sein künftiges Wachstum stützen will: auf eine kleine Gruppe von Präparaten, die heute schon den Größteil der Umsätze trägt, und auf zwei Entwicklungsprojekte, die in den kommenden Jahren darüber entscheiden, wie gross der Konzern in einem der umkämpftesten Therapiefelder der Branche werden kann. Für Anleger ist das die eigentliche Nachricht dieser Woche, denn sie legt die Messlatte fest, an der Amgen in den nächsten Quartalen gemessen wird.
Der neue Finanzchef Thomas Dittrich nannte in seiner Präsentation sechs Wachstumstreiber: das Cholesterinpräparat Repatha, das Osteoporosemittel EVENITY, das Asthmapräparat TEZSPIRE, das Portfolio für seltene Erkrankungen, die Onkologie und das Biosimilar-Geschäft. Diese Gruppe legte im zweiten Quartal 2026 gemeinsam um 26 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum zu und stand damit für nahezu 70 Prozent der Produktumsätze. Der Gesamtumsatz des Quartals lag bei mehr als 10 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 10 Prozent, und 22 einzelne Produkte wuchsen zweistellig. Diese Zahlen beschreiben ein Unternehmen, dessen Basisgeschäft breiter aufgestellt ist als noch vor wenigen Jahren, in dem aber ein grosser Teil der Dynamik aus vergleichsweise wenigen Produkten kommt.
Genau deshalb richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Pipeline. Im Zentrum steht MariTide, ein Kandidat für die Behandlung von Fettleibigkeit, der nur einmal im Monat verabreicht werden soll. Die vollständigen Daten der zweiten Studienphase, die Amgen im Juni 2025 vorgelegt hatte, zeigten nach 52 Wochen einen durchschnittlichen Gewichtsverlust von bis zu rund 20 Prozent, ohne dass die Kurve in ein Plateau lief. Bei Patienten mit Typ-2-Diabetes lag der Wert bei etwa 17 Prozent. Im Januar 2026 ergänzte das Unternehmen auf der J.P. Morgan Healthcare Conference weitere Daten aus der zweiten Phase, darunter Ergebnisse zu monatlicher und quartalsweiser Dosierung sowie Befunde bei Typ-2-Diabetes nach 24 Wochen. Das entscheidende Kapitel läuft inzwischen in den Studien der dritten Phase, die unter dem Programmnamen MARITIME geführt werden.
Warum das für die Bewertung so viel Gewicht hat, liegt in der Struktur des Marktes. Das Feld der Gewichtsmedikamente wird derzeit von wöchentlich verabreichten Wirkstoffen dominiert. Ein Präparat, das nur monatlich gegeben werden muss, verspricht eine höhere Therapietreue, weniger Anwendungsfehler und einen anderen Kostenpfad in der Versorgung. Bestätigt sich dieser Vorteil in der dritten Phase, verschafft er Amgen einen eigenständigen Zugang zu einem Markt, in dem der Konzern bislang nur Beobachter war. Bleiben die Ergebnisse hinter den Werten der zweiten Phase zurück, verliert das Unternehmen den wichtigsten Baustein seiner mittelfristigen Wachstumsgeschichte, und der Fokus verschiebt sich zurück auf ein Basisgeschäft, das gut läuft, aber nicht unbegrenzt wachsen kann.

Der zweite Punkt, den Dittrich hervorhob, ist IMDELLTRA in der Onkologie. In der Studie DeLLphi-305 wurde der Wirkstoff in Kombination mit Durvalumab als Erstlinien-Erhaltungstherapie bei Patienten mit ausgedehntem kleinzelligem Lungenkrebs geprüft. Nach Angaben des Unternehmens zeigte die Kombination statistisch signifikante und klinisch relevante Verbesserungen beim Gesamtüberleben, beim progressionsfreien Überleben und bei der Ansprechrate gegenüber der Gabe von Durvalumab allein. Das kleinzellige Lungenkarzinom gilt als Indikation mit hohem ungedecktem Bedarf und sehr begrenzten Therapieoptionen, weshalb eine bestätigte Verlängerung des Gesamtüberlebens in der Erstlinie sowohl medizinisch als auch kommerziell schwer wiegt.
Für Anleger ist außerdem der Ton bemerkenswert, mit dem der neue Finanzchef auftritt. Dittrich stellte Kapitaldisziplin und die Rendite auf eingesetztes Kapital in den Mittelpunkt, sprach also nicht in erster Linie über neue Zukäufe, sondern über die Frage, wie effizient das Unternehmen sein Geld in Forschung, Produktion und Schuldenabbau lenkt. Nach Jahren, in denen die Branche vor allem über Übernahmen gewachsen ist, verschiebt das den Bewertungsmassstab: Nicht die Größe der Pipeline entscheidet, sondern die Frage, wie viel Ergebnis am Ende je investiertem Dollar übrig bleibt.
Amgen schloss am Freitag, dem 18. September 2026, bei 385,65 US-Dollar und lag damit 1,55 Prozent über dem Vortagesschluss. Der Dow Jones Industrial Average schloss am selben Tag bei 51.682,64 Punkten und damit 0,18 Prozent niedriger, der S&P 500 bei 7.650,50 Punkten mit einem Plus von 0,17 Prozent. Amgen gehörte damit zu den wenigen Werten im Index, die sich gegen die schwächere Tendenz behaupteten, und verbuchte den dritten Handelstag in Folge mit einem Zugewinn. Eine einzelne Unternehmensmeldung, die diese Bewegung allein erklären würde, gab es an diesem Tag nicht.
Was Anleger aus dieser Woche mitnehmen können, ist damit weniger eine Kursbewegung als ein Fahrplan. Das Basisgeschäft liefert derzeit genug Wachstum, um Forschungsausgaben und Kapitaldisziplin gleichzeitig zu finanzieren. Die eigentliche Entscheidung liegt aber in den Daten, die in den MARITIME-Studien und in der weiteren Entwicklung von IMDELLTRA entstehen. Beide Programme sind terminiert, beide werden öffentlich berichtet, und beide entscheiden darüber, ob Amgen in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts als breit aufgestellter Anbieter etablierter Präparate wahrgenommen wird oder als ernsthafter Wettbewerber im größten Wachstumsmarkt der Branche.
Diese Einordnung ist keine Anlageberatung und keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren.
Themen dieses Beitrags
Hauptthema: Pharma & Biotech