SanDisk verdient an der Knappheit: Speicher wird zum Engpass der KI-Rechenzentren
Knappe NAND-Chips treiben die Bruttomarge auf 84,6 Prozent – Citi erwartet Engpässe bis 2031.

Knappe NAND-Chips, Rekordmarge bei SanDisk
Der Speichermarkt läuft auf eine Knappheit zu, die länger dauern könnte als jeder Zyklus der vergangenen zwei Jahrzehnte, und SanDisk sitzt an der Stelle, an der diese Knappheit direkt in die Bilanz wandert. Analysten des Hauses Citi rechnen damit, dass die Engpässe bei Speicherbausteinen bis in das Jahr 2031 anhalten. Intel-Chef Lip-Bu Tan verwies zuletzt auf ein Preisniveau, das das Fünf- bis Siebenfache früherer Spannen erreicht. Für einen Hersteller schneller NAND-Flash-Bausteine ist das die entscheidende Nachricht dieser Tage, weil sein Ertrag unmittelbar am Preis pro Speicherbit hängt.
Wie stark dieser Hebel inzwischen wirkt, zeigt der Abschluss des Geschäftsjahres 2026. Im vierten Quartal stieg der Umsatz im Jahresvergleich um 372 Prozent auf 8,97 Milliarden US-Dollar. Der Gewinn je Aktie lag mit 39,25 Dollar deutlich über der Konsensschätzung von 33,28 Dollar. Die Bruttomarge erreichte 84,6 Prozent, ein Wert, der in der Speicherbranche historisch nicht vorkam, weil Flash-Produkte über Jahre als austauschbare Massenware gehandelt wurden. Für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2027 stellt das Unternehmen einen Umsatz zwischen 10,3 und 10,8 Milliarden Dollar sowie einen Gewinn je Aktie von 44 bis 46 Dollar in Aussicht.
Der Grund für diese Zahlen liegt weniger in einem plötzlichen Mengenwachstum als im Preis. Die Vertragspreise für NAND-Flash zogen im ersten Quartal 2026 um 85 bis 90 Prozent an, im Frühjahrsquartal nach Schätzungen von Marktforschern um weitere 70 bis 75 Prozent, und für das laufende Quartal werden zehn bis fünfzehn Prozent zusätzlich erwartet. Dahinter steht ein Ungleichgewicht, das sich nicht kurzfristig auflösen lässt: Der Aufbau globaler Rechenzentren für Anwendungen mit künstlicher Intelligenz verlangt Speicher in Mengen und Geschwindigkeiten, die klassische Architekturen nicht liefern. Wer große Sprach- und Bildmodelle trainiert oder betreibt, muss riesige Datenmengen permanent schnell verfügbar halten, und genau dafür rüsten Betreiber auf leistungsstarke Flash-Lösungen um.

Abgesichert wird diese Nachfrage durch langfristige Abnahmevereinbarungen, die in dieser Größenordnung neu für das Unternehmen sind. SanDisk hat Verträge im Volumen von rund 94 Milliarden Dollar gesichert und damit einen Teil der künftigen Liefermengen fest verplant. Das verschiebt das Risikoprofil: Ein Speicherhersteller, der seine Bits über Jahre hinweg zu vereinbarten Bedingungen absetzt, ist weniger dem Spotmarkt ausgeliefert, verzichtet dafür aber auch auf einen Teil des Aufschlags, den ein extremer Preisgipfel kurzfristig bringen würde. Der Markt selbst soll nach Schätzungen aus dem Analystenlager von rund 70 Milliarden Dollar im Jahr 2025 auf mehrere Hundert Milliarden in den kommenden Jahren wachsen, was erklärt, warum Kursziele so weit auseinanderliegen.
Die Gegenposition ist ebenso klar benannt. Ein erheblicher Teil des Umsatzsprungs kam aus höheren Preisen und nicht aus mehr ausgelieferten Bits; die Schere zwischen Erlös und Liefermenge ist in den Zahlen sichtbar. Preissteigerungen lassen sich nicht beliebig verlängern, und Marktmodelle erwarten für die zweite Hälfte des Jahres 2027 nachlassenden Preisdruck. Dann entscheidet wieder die Menge über den Erlös, und der Ertrag hängt davon ab, wie weit die langfristigen Verträge die Bit-Exponierung in den Jahren 2027 und 2028 abfedern. Sobald Hersteller mehr Bits liefern, als der Markt aufnehmen kann, dreht sich der Preisvorteil in wenigen Quartalen in das Gegenteil.
Auch die Kapitalseite zeigt beide Lesarten. Das Unternehmen hat ein Rückkaufprogramm über 14 Milliarden Dollar aufgelegt und damit ein Signal gesetzt, dass es die eigenen Mittel eher an die Aktionäre zurückgibt als sie vollständig in neue Kapazität zu stecken. Genau diese Zurückhaltung beim Kapazitätsausbau ist ein Teil des Grundes, warum die Knappheit anhält, denn ohne neue Fertigungslinien bleibt das Angebot begrenzt. Gleichzeitig hat sich ein prominenter Großinvestor aus dem Papier zurückgezogen, während andere Häuser ihre Kursziele nach oben nahmen. Die Spanne der Schätzungen reicht je nach angenommener Dauer des Speicherzyklus bis in vierstellige Bereiche, und sie beschreibt weniger unterschiedliche Rechenmodelle als unterschiedliche Annahmen über ein einziges Datum: den Zeitpunkt, an dem der Preisgipfel überschritten ist.
Im europäischen Handel schloss das Papier am Freitag bei 1.560,00 Euro, nach einem Tagesplus von elf Prozent. Seit dem Spin-off im Jahr 2025 hat der Wert damit einen der stärksten Kursverläufe im Halbleitersektor hinter sich, was zwei Dinge gleichzeitig bedeutet: Die Erwartung einer langen Knappheit steckt im Kurs, und jede Nachricht, die diese Erwartung infrage stellt, wirkt überproportional.
Die harten Prüfsteine der nächsten Monate sind deshalb benennbar. Erstens die Vertragspreise: Bleibt der erwartete Anstieg von zehn bis fünfzehn Prozent im laufenden Quartal bestehen, hält die Ertragsbasis. Zweitens die Bruttomarge: Ein Wert um 84 Prozent ist kein Normalzustand, sondern das Ergebnis einer Ausnahmelage, und jede Annäherung an frühere Branchenniveaus schlägt sofort auf den Gewinn je Aktie durch. Drittens die Liefermengen: Wachsen die ausgelieferten Bits deutlich schneller als der Markt sie aufnimmt, endet die Preissetzungsmacht früher als erwartet. Viertens die Investitionspläne der Wettbewerber, denn neue Kapazität wird Jahre vor ihrer Wirkung angekündigt. Und fünftens die Nachfrage aus den Rechenzentren selbst, die an den Budgets der großen Betreiber hängt.
Unter dem Strich steht ein Unternehmen, das in einer Ausnahmelage außergewöhnlich verdient und dessen Bewertung davon abhängt, wie lange diese Lage trägt. Die Prognose für das laufende Quartal, die langfristigen Abnahmeverträge und die Einschätzung, dass die Engpässe bis Ende des Jahrzehnts reichen könnten, sprechen für Dauer. Die Herkunft des Wachstums aus dem Preis und nicht aus der Menge spricht für Vorsicht. Beide Argumente stützen sich auf dieselben Zahlen, und beide werden in den kommenden Quartalen überprüfbar.
Hinweis: Dieser Beitrag ist keine Anlageberatung und keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung. Märkte & Trends versteht sich als tägliche Börsenbegleitung mit Fakten, Zusammenhängen und Einordnung.
Themen dieses Beitrags
Hauptthema: Halbleiter